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Zur Ausstellung „Menschen im Blick“ von Andreas Lochter, 24.11.14

Andreas Lochter Posted: november 13, 2016 / Modified: november 13, 2016
Zur Ausstellung „Menschen im Blick“ von Andreas Lochter, 24.11.14
Meine Damen und Herren, freilich hätten wir alle uns gewünscht, die hier abgebildeten Personen wären sämtlich zu dieser Ausstellungseröffnung erschienen, dann hätten wir sie gleich fragen können, was sie denn eigentlich über den Andreas Lochter gedacht haben, als er sie so schön gemalt hat.
Manche schauen ja den Betrachter direkt an, haben also auch den Maler angeschaut, genauso wie sie uns anschauen. – Aber leider sind sie seiner Phantasie entsprungen, vielleicht nicht ganz und gar, das Unterbewusstsein malt mit, die vagen Erinnerungen und die überdeutlichen wetteifern miteinander, man geht ja nicht blind durch die Welt, wenn man kein Blinder ist, schon gar nicht als bildender Künstler, am günstigen Zufall kommt eh kaum ein Kreativer vorbei, als Einfall wird er aufgegriffen… Es mag ja sein, dass das Talent in den Genen programmiert ist. Oft liegt aber das, was vom Publikum als genial oder zumindest bezaubernd, nun ja, gelungen… Erlebt wird, nicht in der vorhergehenden Absicht des Malers, sondern findet exakt zwischen Hand und Leinwand statt bzw. Im Blickwechsel zwischen Künstler und Werk, der den schöpferischen Vorgang, also die malende Hand, steuert und führt.
Denn der Künstler ist ja nicht einer, der seinen vorgefassten Willen exekutiert, sondern einer, der mit jeder Änderung am Werk auch den Blick auf das Werk verändert, bis am Ende beide zur Ruhe kommen.
Im Interview mit der Laterne-Zeitung sagt Andreas Lochter, dass ihm das Schluss machen mit einem Bild schwer fällt. Selbst wenn es gerahmt in der Ausstellung hängt, sagt er nicht: er geht nicht mehr ran, sondern: kaum noch… Von mir selber kenne ich die Scheu, etwas einmal Veröffentlichtes zu ändern. Das ist gewissermaßen eine Schwelle, die dann überschritten ist. Der Schlusspunkt wird durch ein äußeres Ereignis gesetzt.
Für einen Maler ist diese Schwelle vielleicht notwendig, um das Bild nicht irgendwann tot zu malen. Das Schöne ist ja das Lebendig-bleibende und somit eine bestimmte Art Fehler gegenüber dem Perfekten, das oft nicht schön ist, jedenfalls nicht so schön, wie es sein könnte.
In demselben Laterne-Gespräch sagt Andreas: „Ich verspreche, dass in der Ausstellung… Keine Kuh dabei ist. “ Ein Versprechen, das er auch mir neulich gegeben hat, als ich zur Eröffnung der Ausstellung im Tietz erklärte, dass er „nicht nur Kühe“ malt.
Kühe sind ja sein Markenzeichen geworden. Seit den frühen 80er Jahren, also länger als ich ihn überhaupt kenne, ist er an dem Thema dran – und macht auch damit nicht auf einmal Schluss. Wenn ich aber eine Entwicklungslinie innerhalb seines Schaffens ziehen soll, freilich nur eine Linie, nicht die einzige, dann wäre es die von der mehr oder minder „vermenschlichten“ Kuh, die auch schon oft im Porträt erschien, über immer mehr davon abstrahierte und schließlich ganz abstrakte Gemälde, in denen aber immer noch – für den, der die früheren Bilder kennt, ganz klar – die Körperlichkeit der Tiere durchkam, zu den Porträts hier in der Ausstellung.
Also kein abrupter Wechsel der Motive, nicht einfach der Gedanke: Jetzt also mal Frauen und Männer! – Sondern formale Gründe für eine neue Werkgruppe.
Der Zwischenschritt – abstrakt zu arbeiten – scheint mir wichtig.
Die Farbpalette ist ja im Großen und Ganzen dieselbe geblieben. Im Einzelnen hat sie schon immer differiert, war aber charakteristisch. Ein Bild von Lochter ist immer gleich zu erkennen.
Was aber anders geworden ist, ist die Plastizität der Figuren. Bei Tieren, aber auch noch bei Männergesichtern, lässt sich vieles in dieser Hinsicht über scharfe Konturen und entsprechend einschneidende Schatten erreichen. Bei Frauengesichtern funktioniert das wesentlich schlechter. Fast möchte man sagen, harte Konturen wirken vermännlichend. Aber das ist nicht immer der Fall.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Neugier in dieser Frage einer der Antriebe für den Maler war, sich nach neuen Motiven umzusehen.
Ein weiterer ist natürlich, dass nach Jahren der Vermenschlichung von Tieren einmal diese Maske abgenommen werden wollte. Interessant, dass der Klartext dahinter in eher diffusen Lichtverhältnissen erscheint. Sehr weich, ziemlich dunkel, jedenfalls in den Arbeiten hier vorn, im Raum vor dem Büro und im Gang sieht’s schon etwas anders aus… Aber hier: muschebubu, wie der Sachse sagt.
Auch in den helleren Bildern liegt ein weich zeichnender leichter Nebel zwischen Objekt und subjektivem Blick. Der Maler malt, was ihm vorschwebt. Dass der Abstand immer heikel sein wird, zu große Nähe schnell in Bedrängnis umschlagen kann und Anstarren sowieso verboten ist, weiß er selbstverständlich. Weshalb er in den Bildtiteln oft noch mehr auf Distanz geht als in der Malerei selbst. Mitunter durch ein Adjektiv, das über die Dargestellten ein rasches Urteil spricht, das für den Betrachter nicht lange Bestand haben wird.
Denn der will es natürlich genau wissen und forscht in den Gesichtern nach mehr Information. Klar, das Rätsel ist immer schöner, weil tiefer als die Lösung, aber doch nur, wenn man selber spekuliert, mutmaßt, unterstellt… „Junge Frau, geheimnisvoll“ – schaut sie nicht einfach nur skeptisch? Oder welches ihrer Geheimnisse kennt und meint der Maler? Oder meint, sie zu kennen… ?
Manchmal hilft auch der alte Trick der Ablenkung. Dann steht da: „mit viel Gelb“. Aber wie lange hält sich das Auge mit dem vielen Gelb auf? Nicht lange. Dann steht da: „offen für die Welt“, das soll sagen: Schluss mit der Schüchternheit! – Wer sagt das, der Maler über sein – ideelles – Modell? Der Künstler zu sich selbst? Oder soll sich der Betrachter das sagen? Aber warum?
Die „junge Frau“ daneben, ebenfalls „mit viel Gelb“, wird als „etwas zu clever“ beschrieben. Abgeklärtheit ist auch eine Wand.
Man bekommt, wenn man die Bilder zusammen hängen sieht, den Eindruck, als arbeite Andreas Lochter an einer Typologie. „Menschen im Blick“ – der Titel der Ausstellung – scheint geradewegs in diese Richtung zu weisen. Lässt man jedoch die Bildunterschriften auf sich beruhen und vertieft sich in einzelne Arbeiten, merkt man, dass die Intention Lochters woandershin geht.
Wer damit hadert, damit komme ich auf den Anfang meiner Rede zurück, ein Bild zu beenden, wer also ewig daran herummalen könnte, der mag vielleicht keine genaue Vorstellung vom Resultat haben, wohl aber von dem, was er mit seiner Arbeit aus dem Bild „herausholen“ möchte: Etwas, nämlich, das ihn selber überrascht.
Um das zu leisten muss der Porträtist dem oder der Porträtierten, mögen sie auch nur in seiner Einbildung existieren, ihren oder seinen eigenen Kopf lassen. Der Porträtist muss alles wissen wollen, aber er darf nicht alles wissen können. Zum Glück kann er das eh nicht. So sehr er sich in seinen Gegenüber hineinzudenken versucht, es bleibt immer ein Rest.
Der lässt sich natürlich wegmalen, man kann ihn aber auch stehen lassen oder überhaupt erst einmal zu malen versuchen.
Dieser „Rest“ ist das eigentlich Interessierende an anderen Menschen. Ohne den bräuchte man gar keine Kunst zu machen oder zu haben. Wahrscheinlich würde einen dann nicht mal eine Kuh angucken. Keine Landschaft und kein Stilleben.
Einige Gemälde zitieren mehr oder weniger die Kunstgeschichte. „Wehrhaft und belesen“ etwa gehört dazu oder auch jener „Ältere Herr mit Schnauzbart (mit viel Gelb), sehr wichtig“, die man glatt für ein Selbstporträt Lochters halten könnte, wüsste man nicht, dass der in Wahrheit ganz anders aussieht. Hier geht es wohl darum, zu überprüfen, was die historischen Porträtformen (etwa die Abb. Im Profil) heute noch zu leisten vermögen.
Meine Damen und Herren, wenn es stimmt (und viel spricht dafür), dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, dann sind „Menschen im Blick“ immer eine Projektion. Sie sind eben nur zum Teil sie selbst, zum anderen den Vorstellungen derjenigen, die sie betrachten, entsprungen. Vorstellungen, die immer auch Selbstdarstellung, Selbstbespiegelung sind. Ein gutes Porträt durchblickt diesen Spiegel.
Ich wünsche Ihnen hier in der Ausstellung und überhaupt viele solcher Durchbrüche, danke dem Künstler, der anwesend ist und befragbar, möchte jedoch nicht enden, ohne noch einmal auf die Laterne-Zeitung hinzuweisen, die ein Gespräch mit Andreas Lochter enthält, das Andreas Schüller geführt hat, und in diesem eine Menge Informationen zum Leben und künstlerischen Werdegang Lochters zu finden sind. Die Ausstellung ist hiermit eröffnet. Möge sie recht viel Zuspruch finden. Ich danke für die Aufmerksamkeit.

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